Auszüge aus Das große Buch der Volkstrachten, das Albert Kretschmer, Maler und Professor am königlichen Hoftheater zu Berlin, herausgegeben hat, geben Kunde von den Damen- und Männertrachten aus dem hannoverschen Amt Gifhorn. Professor Kretschmer hat zwischen 1864 und 1870 auf vielen Reisen durch die damals zum Reichsland gehörenden Gebiete die Volkstrachten studiert. Die Damen- und Männertrachten des Amtes Gifhorn erklärt er wie folgt (Kurzzusammenfassung):
Die
noch erhaltene Tracht ist ähnlich der des benachbarten Braunschweigs. Nur
daß hier die bunteren Farben mehr zur Anwendung kommen als bei jener.
Zur Männertracht: Dichte Wollstoffe geben das Material zu dem hauptsächlichen Teile der Kleidung, zum Rock, während alles übrige aus Halbseide, Samt oder Kattunstoffen (Baumwolle) gefertigt ist.
Die Männertracht besteht aus einem langen Rock von schwarzer Farbe, mit rotem Flanell gefüttert und mit silbernen Knöpfen besetzt. Die Weste ist von dunkelblauem Tuch mit zwei Reihen schwarzseidener Knöpfe, desgleichen auch das seidene Halstuch häufig in dieser Farbe, zuweilen auch von buntem Kattun. Der weiße, mit Kante belegte Hemdkragen ist am oberen Rande des Halstuches umgeschlagen. Die Hosen sind entweder von schwarzem Sammet (Samt) oder Leder. Sie reichen bis ans Knie und werden durch die Bänder unter diesem befestigt. Die Strümpfe sind von schwarzer Wolle (wir tragen weiße, Anm. Spatz), die Schuhe mit silbernen Schnallen geziert. Der Hut ist von schwarzem Filz mit breiter Krempe, welche nach hinten aufwärts geschlagen und zusammengekniffen ist. Ein breites Band mit silberner Schnalle umgibt den Hutkopf und das Ende des Bandes hängt zur Seite herab.
Wie diese Männertracht hauptsächlich nur in der Farbzusammenstellung etwas eigentümliches hat, in der Form aber durchaus dem niedersächsischen Trachtengebrauch entspricht, so auch die Tracht der Frauen, welche indes in der Haube doch etwas absonderliches behält. Auf dem schwarzseidenen Käppchen, welches in kleinen Falten abgenäht und durch Kinn- und Rücknebänder von schwarzer, zum Teil gemusterter Seide geziert ist, steht eine Spitze in der Form eines sich nach oben verjüngenden Röhrchens, welches sich in seiner schrägen Stellung mit dem oberen Ende die Richtung nach hinten nimmt. Die Röcke sind entweder von Fünfkamm, Halbseide, feinerer Wolle oder Kattun; die dichtwollenen oft langstreifig, z.B. schwarz oder grün, mit feinen roten Längenstreifen und breiten farbigen Saum, oder die Röcke sind einfach nur schwarz. Die Jacke mit langen Ärmeln ist bei wollenen Röcken in einfacher Färbung weiß oder schwarz. Über die waagerecht stehende Krause wird das Brusttuch gebunden (viereckige Grundform, diagonal zusammengelegt, Anm. Spatz) , dessen vorderer Zipfel durch den Bund der Schürze bedeckt werden. Die beiden anderen sich deckenden Zipfel hängen längs des Rückens herab. Dieses Tuch ist von dunkler Halbseide mit bunter Blumenborte. Die Schürze ist von bunter Halbseide, streifig oder in quadrierten Linien gemustert, oder von Kattun. Schwarze Strümpfe und niedrige schwarze Schuhe von Leder vervollständigen die Tracht (wir tragen weiße Strümpfe, Anm. Spatz).
Das Tuch der Damen hat zwei Seiten,
die durch die diagonale Faltung entstehen. Auf die eine Fläche, die
so entsteht, ist die sog. Freudenseite gestickt, ein Blumenmuster in bunten
Farben. Die andere Seite, die Trauerseite, zeigt das gleiche Muster, allerdings
gestickt mit Silberfäden. Zu Beerdigungen wurde also das selbe Tuch
getragen wie zu Festlichkeiten, nur die Seite wurde umgedreht.